Eisenbahnfreundeskreis West-Sachsen

Omnipräsenz in Sachen Eisenbahn

Der „EISENBAHNFREUNDESKREIS WEST-SACHSEN“ Böhlen/Großsteinberg (EFK WESTSACHSEN), heute ein rein privater Zusammenschluss von Eisenbahnfreunden der ehemaligen Arbeitsgemeinschaft 6/49 des Deutschen Modelleisenbahnverbandes der DDR mit damaligem Sitz im Bahnhof Böhlen (bei Leipzig), gehört zu den aktivsten Beteiligten an Eisenbahnveranstaltungen in Sachsen. Mit der EFK-eigenen Draisine werden regelmäßig Bahnhofsfeste, Streckenjubiläen oder auch andere Ereignisse vor allem auf den regelspurigen Strecken in Mitteldeutschland mit hohem persönlichen Engagement rund zwei Dutzend Aktiver bereichert. Logisch ist dabei natürlich auch eine enge Verzahnung mit den in diesen „Bereichen“ tätigen Vereinen und Unternehmen. Durch berufliche Tätigkeit mehrerer Aktiver bei der „großen Bahn“ sind fachliche Synergien gut möglich.

Allein das durch das lockere Netzwerk des Freundeskreises erreichte Spektrum an Eisenbahninteressierten wirkt für viele Aktivitäten noch einmal vervielfachend. Mit der eigenen, monatlich zusammengestellten und per E-Mail verschickten „EFK-Depesche“ wird zudem eine breite Zielgruppe von Eisenbahnfreunden regelmäßig mit sehr detaillierten und kenntnisreich zusammengestellten Beiträgen, Fotos und Anekdoten versorgt. Auch die PK-Redaktion konnte daraus schon die eine oder andere Anregung für die Berichterstattung nutzen.

Herbstausfahrt 2010

Immer im Oktober veranstaltet der EFK WESTSACHSEN eine verkehrshistorische Tagesfahrt unter dem der Jahreszeit angemessenen Titel „Herbstausfahrt“. Die Herbstausfahrten beginnen und enden mit einer jährlich immer wieder neu zusammengestellten historischen Kraftomnibusflotte in Rötha (südlich von Leipzig) und Großsteinberg (Muldentalkreis). Die Herbstausfahrten sind authentische Nachstellungen von Fernreisen, wie sie in den sechziger/siebziger Jahren an den Wochenenden als Reisebürofahrten oder Brigadeausflüge zu erleben waren. In die „Ferne“ fahren bedeutete damals nicht, mit dem Flugzeug um den halben Erdball zu fliegen. Ein Fahrtziel in rund 100 Kilometer Entfernung war damals richtig fern. Die Straßen als Fahrwege sind heute wesentlich schneller zu benutzen, doch die eingesetzten historischen Kraftomnibusse sind technisch auf gleichem Stand wie in ihrem ersten „Leben“ als Linien-, Überland- oder Fernreisekraftomnibusse - also nicht ganz so schnell und bei Bergfahrten eigentlich schon so richtig langsam.

Da der EFK WESTSACHSEN sich vordergründig der Eisenbahn verbunden fühlt, ist natürlich stets eine Eisenbahnfahrt in die Herbstausfahrten eingebunden, und wenn es die Routenführung ergibt, dann darf auch gern ein historisches Schiff die Verkehrsmittel auf dem Landweg ergänzen. Ein Schiff war in die 2010er Auflage nicht eingebunden, denn am Sonntag, den 10. Oktober, reiste der EFK mit insgesamt 121 in der historischen Kraftomnibusflotte vorhandenen und seit Monaten ausverkauften Sitzplätzen in das Erzgebirge. Eisenbahnseitig wurde die Erzgebirgische Aussichtsbahn Schwarzenberg (Erzgeb) - Markersbach (Erzgeb) - Schlettau (Erzgeb) - Annaberg-Buchholz Süd bereist.

Zeitgleich, fast noch in der Nacht (für die Fahrgäste daheim in jedem Fall), genau 6.03 Uhr war Start für den historischen Schienenersatzverkehr an den Haltestellen in Rötha und Großsteinberg. Der „Volkseigene Betrieb (VEB) Kraftverkehr“ verfügte für diese Leistung am 10. Oktober drei schmucke Kraftomnibusse vom Typ Ikarus 55. Erster Verkehrshalt: Amerika! Ja ist denn der EFK WESTSACHSEN völlig verrückt? Mag sein, aber Frühstückshalt war in Amerikas Biergarten, am Ufer der Zwickauer Mulde, also in trauter Nachbarschaft der Stadt Penig. Von da aus führte die Reise weiter zum Eisenbahnmuseum Schwarzenberg. Umgestiegen wurde nicht etwa in den regulären Triebwagenzug der Erzgebirgischen Aussichtsbahn, welcher zeitgleich letztmalig für das Jahr 2010 auf der Strecke nach Annaberg-Buchholz pendelte. Nein, ein ganz besonderer Zug mußte es für die Freunde aus der Leipziger Tieflandsbucht und dem Muldentalkreis sein. Ein richtiger Personenzug mit Güterbeförderung (PmG), geführt mit der Verbrennungskraftlokomotive 112 565-7 der EBB Pressnitztalbahn mbH (PRESS), stand im Eisenbahnmuseum bestens vorgeheizt zur Abfahrt bereit. Den Wagenzug stellte der Verein Sächsischer Eisenbahnfreunde e.V. (VSE). Die Zugbildung war vom Veranstalter exakt vorgegeben, mit dem VSE abgesprochen und auch von ihm wunschgemäß bereitgestellt. An der Spitze des Zuges die Lok 112 565-7, der Lowa-Wagen (Bauart E5, Gattung Bgh), ein Bghw-, ein Pwgs-, ein Tds-, ein Gbs und ein E-Wagen.

Nichts, aber wirklich gar nichts, überlässt der EFK WESTSACHSEN, egal was er veranstaltet, dem Zufall. Ganz klar, daß PmG 90100 am 10.10.10 gemäß Fahrplananordnung (Fplo) Nummer 1010-90100-SO-00 auch 10.10 Uhr in Schwarzenberg (Erzgeb) abfuhr. Die Fplo, in Absprache mit dem Besteller der Trasse sehr schlicht und für die „Öffentlichkeit“ inhaltlich wenig aussagefähig gestaltet, sollte im Vorfeld nicht alle für die im Zug reisenden und zugleich zahlenden Fahrgäste die im Fahrplan enthaltenen Fotohalte preisgeben. So war für nicht an der Herbstausfahrt teilnehmende Personen nicht bekannt, wo welches Motiv gestellt wird. Ein erster kurzer Fotohalt erfolgte im Bahnhof Markersbach (Erzgeb). Erstmals, und das in voller Größe, konnten die Fahrgäste den 1887 - 1889 unter Leitung von Claus Köpcke errichteten Markersbacher Viadukt in Augenschein nehmen. Wenige Minuten später rollte PmG 90100 über diesen Viadukt, doch dann mußte die den Zug inzwischen begleitende Fotografenschar lange warten.

Unter Zuhilfenahme von Evakuierungsgerätschaften für InterCityExpress-Fahrzeuge (ICE), war dem folgenden vom Infrastruktureigentümer, der DB RegioNetz Erzgebirgsbahn, stattgegeben worden: Die Fahrgäste konnten am Markersbacher Viadukt, für einen Fotohalt mit Scheinfahrt über den Viadukt, aus- und einsteigen. Ein Erlebnis der Superlative, den eigenen Zug auf dieser grandiosen Brücke fotografieren zu können.

Im Betriebsmittelpunkt der Erzgebirgischen Aussichtsbahn, dem Bahnhof Schlettau (Erzgeb), war Zugkreuzung mit dem regulären Triebwagenzug, der an diesem Tag bei seiner ersten Rückfahrt von Annaberg-Buchholz nach Schwarzenberg (Erzgeb) dem Sonderzug entgegen kam. Während des Verkehrshalts im Bahnhof Schlettau (Erzgeb) wurden die am Zugschluss befindlichen drei Güterwagen abgesetzt. Genauso gut hätten die Güterwagen am Zug verbleiben können. Dies war jedoch aus zweierlei Gründen nicht gewollt: Zum einen verfügen Güterwagen in aller Regel über keine Durchleitmöglichkeit für die Zugheizung, welche von der Lokomotive aus erfolgt, so daß die Rückfahrt in ungeheizten Reisezugwagen erfolgt wäre, was ja letztendlich aufgrund der Wetterlage dann auch möglich war. Zum anderen ergaben sich ohne das Mitführen der Güterwagen auf dem Streckenabschnitt Schlettau (Erzgeb) - Annaberg-Buchholz Süd und zurück andere Fotomotive. So verkehrte der PmG 90100 ab Schlettau (Erzgeb) als klassischer Personenzug mit zwei Sitz- und einem Gepäckwagen.

Der Haltepunkt Walthersdorf (Erzgeb) bietet ebenfalls unzählige Möglichkeiten, um einen Zug im Bild festzuhalten. So war auch an diesem Ort ein Fotohalt im Fahrplan vorgesehen. Für das Filmen und Fotografieren des Zuges während einer Scheinfahrt aus Richtung Schlettau hielt einer der drei Ikarus 55 als erstes Kraftfahrzeug am Warnkreuz der ortsbedienten Vollschrankenanlage. Wendepunkt der Herbstausfahrt 2010 war der Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd. Hier umfuhr die Lokomotive den Zug und wenige Minuten später hielt er schon wieder in Walthersdorf (Erzgeb). Aus der anderen Richtung kommend ergaben sich wieder völlig andere Bildmotive. Auch der Ikarus 55 stand wieder am Bahnübergang parat, allerdings nun auf der gegenüberliegenden Seite des Gleises.

Im Bahnhof Schlettau (Erzgeb) erwartete die Gastwirtsfamilie vom „Sächsischen Hof“ aus Hermannsdorf die Fahrgäste der Herbstausfahrt zum Mittagessen. Bei herrlichstem sonnigen Spätsommerwetter wurde der in den Gleisanlagen provisorisch eingerichtete Biergarten mit großer Begeisterung genutzt. Die Bürgerinitiative Eisenbahn-Interessengemeinschaft Bahnhof Schlettau (Erzgeb) hatte Tür und Tor des Empfangsgebäudes zur Besichtigung geöffnet, die Kraftomnibusse paradierten im gleißenden Sonnenlicht auf der Ladestraße, PmG 90101 rangierte im Bahnhof an die Güterwagen, die nun wieder an den Zugschluß gekuppelt wurden und eine letzte Kreuzung mit dem Triebwagenzug der Erzgebirgischen Aussichtsbahn rundete das rege Treiben im Bahnhof ab. Einen letzten Fotohalt legte PmG 90101 bei einem Halt direkt auf dem Markersbacher Viadukt ein. Das Aussteigen war nun aber untersagt, galt dieser Halt doch eher dem wunderbaren Blick von der Brücke ins darunterliegende Seitental der Mittweida. Endstation für den Sonderzug der Herbstausfahrt 2010 war im Eisenbahnmuseum Schwarzenberg. Hier wurden die Fahrgäste sowohl von Eisenbahnfreunden des VSE zur Besichtigung des Museums, als auch wiederum von der Gastwirtsfamilie des „Sächsischen Hof“ aus Hermannsdorf zum Kaffeetrinken empfangen.

Die Kraftomnibusfahrer hatten das fast Unmögliche möglich gemacht und alle drei Ikarus 55 rückwärts ins Gelände des Eisenbahnmuseums rangiert. Eine Situation, ein Fotomotiv, so wie es im Eisenbahnmuseum Schwarzenberg in absehbarer Zeit nicht so schnell wiederholt werden dürfte. Mit massiver Beeinträchtigung des aus dem Erzgebirge kommenden und in Richtung Chemnitz flutenden Individualstraßenverkehrs, schleppte sich eine Endloskarawane, angeführt von den drei wunderschönen „Raketen“ oder „Zigarren“, wie die Ikarus-Busse der Typen 55 und 66 umgangssprachlich bezeichnet wurden, anschließend über die Erzgebirgsstraßen in Richtung Autobahn. Ein letzter gemeinsamer Verkehrshalt aller drei historischen Kraftomnibusse erfolgte zum Abendessen in der Frohen und Hanselstadt Groß-Mützenau. Wo das liegt? Na, in Sachsen. Rund um die Museums- und Kleinkunstkneipe „Zum Prellbock“ in dem kleinen Städtchen Lunzenau hat die Gastwirtsfamilie die vorgenannte Satirestadt ausgerufen.

Kein größerer Dank ist möglich, als in zufriedene Gesichter der Fahrgäste blicken zu können, die beim Abschied darum bitten, für die nächste Herbstausfahrt auf jeden Fall Plätze freizuhalten. Diese Wünsche werden gern realisiert und wenn auch Sie, liebe Leserinnen und Leser des „Preß'-Kurier“, neugierig geworden sind, dann sind Sie zur nächsten Herbstausfahrt mit historischen Kraftomnibussen und Sonderzügen, bespannt mit Dampf- und Verbrennungskraftlokomotiven, am Sonntag, den 9. Oktober 2011, herzlich eingeladen.

Reinfried Polter

Information - Reservierung - Fahrkarten

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Pomßener Straße 48
04668 Großsteinberg
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